Quergeschnitten - gelähmt, aber lebendig

Ute Grell aus Herford ©I.Homfeld
Ute Grell aus Herford ©I.Homfeld

„Haus gebaut, die Kinder groß, mein Ehemann und ich leidenschaftliche Tangotänzer, alles wunderbar“, so beginnt die jetzt 72jährige Ute Grell aus Herford ihren Vortrag bei den Hoyaer LandFrauen in Thöles Hotel. Beruflich war die gebürtige Wellierin bis zu ihrem Unfall im Jahr 2016 bei der Landwirtschaftskammer als Geschäftsführerin für die LandFrauenvereine tätig. Morgens noch im Dienst, sei sie am späten Abend „unwichtigerweise“ zur Mülltonne gegangen. Mit einer Freundin gleichzeitig telefonierend hob sie ein Bonbonpapier auf, entsorgte es in der Mülltonne, trat anschließend falsch auf, stürzte und schlug mit dem Kopf auf. Das Telefon noch in der Hand sagte sie ihrer Freundin: „Ich kann mich nicht mehr bewegen.“

Operation und eine neunmonatige Reha folgten, die Bewegungsunfähigkeit an Armen und Beinen blieb größtenteils, die Nerven hörten auf zu fühlen und ein Hautschmerz am gesamten Körper begleitet sie 24 Stunden am Tag. Ute Grell berichtet den LandFrauen von ihren Beeinträchtigungen und den gestörten Funktionen ihres Körpers, von dem Schamgefühl, von den Erfahrungen wie über ihren Kopf hinweg über sie geredet würde, aber ganz besonders von ihrem Weg in ein anderes und ganz neues Leben. „Selbständig bleiben“, das sei immer ihr Antrieb gewesen, selbständig auch in den kleinen Dingen des Alltags. Bis heute habe sie keinen Treppenlift, denn Ute Grell „will alleine die Treppenstufen hinauf in ihr Schlafzimmer gehen“, auch wenn es oftmals nicht ganz einfach sei. „Ein Zurück in das alte Leben gibt es nicht“, beteuert die Herforderin, „dies musste ich mir immer bewusst machen.“ Und diese Erkenntnis habe ihr geholfen, Hilfe anzufordern aber auch Hilfe anzunehmen, Kontakte zu pflegen und neue Kontakte aufzubauen, sich über ganz kleine Dinge zu freuen, über eine wiedergewonnene Leistung oder einfach über warmes Wasser, mit dem sie den Schmerz in den Händen lindern kann, wenn dieser mal wieder unerträglich ist. Immer wieder betont Ute Grell die Rolle ihres Mannes, ohne den ein so selbstbestimmtes Leben, wie sie es derzeit führt, nicht möglich wäre. Um auch ihm mal eine Auszeit und einen Urlaub zu gönnen, sei sie drei Jahre in Folge in eine Kurzzeitpflege gegangen. Schmunzelnd fügt sie hinzu: „Und das war gar nicht so schlecht!“. Wichtig sei auch der Kontakt zu Gleichgesinnten, mit denen man sich über das Schicksal, über den Leidensdruck austauschen könne. „Hiermit darf ich meinen Mann nicht auch noch belasten!“, fügt die 72jährige hinzu.

Und so hat Ute Grell sich ins Leben zurückgekämpft, hat mittlerweile einen Führerschein gemacht, bringt sich ehrenamtlich ein im Verein Lebenskünstler in Bewegung eV und im Beirat für Menschen mit Behinderung der Stadt Herford, hält Vorträge. „Das Leben ist ein Abenteuer“, nach dieser Lebensmaxime stellt sich die Herforderin ihrer Behinderung, schaut stets voran und gibt den Hoyaer LandFrauen mit auf den Weg „Bleiben Sie stets auf der Seite des Optimismus!“                                         Ina Homfeld, 06.02.25